Gesellschaft
Bevor das dracische Zeitalter begann, streiften die Xarax durch Wasser und über Land, immer auf der Suche nach neuer Beute. Blutmondnächte waren eine Zeit des Schreckens für alle Völker. Der alte Strom herrschte und riss die Welt mit sich. Nur Wenige wussten sich zu wehren, doch zu mehr als einer Verteidigung sollte es nie reichen. Als der Widerstand schließlich glückte und die Macht des alten Stroms versiegte, blieben nur die Xarax in der Zuflucht der Tiefsee zurück.
Der neue Strom 𐌈 Die Schöpfer der Fülle
Xoa beginnt, wohin Mondlicht niemals dringt.
In Xoa sagten diese Verbliebenen sich vom Vergangenen los, bezeichneten sich fortan als Xaraxar und schufen einen neuen Strom. Geschützt vor jeglichem Mondlicht, gebannt vom Salz der See, erschlossen sie ihren neuen Lebensraum. In der Obhut der fernen Tiefe zog das Zeitalter der Dracier nahezu spurlos an ihren vorbei. Als einziges Volk Thans, das keinen tiefschürfenden Hass auf die Dracier verspürt, blicken die Xaraxar mit Staunen auf all die wundersamen Konstrukte, Relikte und Bauwerke Oas, die trotz ihrer dunklen Geschichte bis in die heutige Zeit strahlen.
In Xoa strebten die geschickten Schöpfer der Fülle selbst seit jeher danach, Glorreiches zu erschaffen, wenn auch ohne dracischen Zauber. Die Architektur der Xaraxar wirkt auf ihre Betrachter stets wie nichts Geringeres als Kunst. Man lebt nicht nur in, sondern mit den Bauwerken, die ihrerseits ihr eigenes Leben besitzen. Eine achtsame Hand, die eine Form sanft über Dutzende von Zyklen formt, erschafft aus Sicht der Xaraxar die denkbar größte Schönheit. Der neue Strom sieht sich als Erbauer, Künstler, Friedensstifter und Weissager.
Vielleicht traf es die Xaraxar deshalb so hart, als sie feststellen mussten, dass gerade ihnen das größte Unheil drohte: eine Katastrophe, auf die niemand eine Antwort wusste. Vor nun 192 Zyklen verschwanden die Dracier und nur einige Zyklen später begann die ewige Grenze, der
Nebel um Than, näher zu rücken. Mit jedem Zyklus, der verging, verleibte sich die Trübe einen weiteren Teil der großen Weite ein. Das glorreichste Schaffenswerk, Amtakan, wurde bereits vor 150 Zyklen von der Trübe verschlungen. Nur noch brüchige Aufzeichnungen und Legenden erzählen von der glückseligen Pracht, die dort verlorgen ging. Ein denkbar verhängnisvolles Omen, dass auf Xa* hinweist. Der Nebel ist auf dem Vormarsch... und der neue Strom weicht vor ihm zurück, auf der Suche nach einer Antwort, die nicht nur Xoa, sondern auch Oa und die Existenz allen Lebens zu retten vermag.
* Zustand endgültiger Stille, der dem Verblassen allen Seins entspricht
Der alte Strom 𐌏 Die Räuber der Leere
Oa verfolgt und Oa verschlingt. Wo Oa herrscht, die Jagd gelingt.
Als die Xaraxar Oa – ihre einstigen Jagdgründe – hinter sich ließen, verblasste der Fluch, der das lachende Volk seit Anbeginn des xaraxischen Zeitalters heimgesucht hatte. Was geschieht, wenn Hunger und Mondlicht zueinander finden, haben die Xaraxar allerdings nie vergessen. Die Erzählungen über den Fluch blieben so berüchtigt wie verrucht. Dem Schrecken, der in Oa zurückblieb, schien etwas anzuhaften, das zwar nicht mehr das Leben, dafür aber die Fantasie der Xaraxar beherrschte. Ein Schatten, der im Glanze all der Schönheit Xoas zur dunklen Legende wurde. Ein Kitzel, der so manchen Künstler inspirierte, makabere Werke zu erschaffen.
Der Reiz am Horror verging den Xaraxar jedoch, als ein wahrhaftiges Unheil sich zeigte: Xa*. Jeder neue Zyklus drängte die Xaraxar enger zusammen und damit zwangsläufig auch näher zur Küste: Zum Lichte Oas. Dies verlieh dem Fluch abermals eine bedrängende Präsenz. Man verbot den Aufstieg in die Leere. Doch schon die Ersten ahnten, dass die schwindende Weite bald keine Wahl mehr ließe. Amras Wandel vor 74 Zyklen verschärfte die Lage. Katastrophale Machtblitze trafen dicht bevölkertes Gebiet. Es zerriss so viele Leben, dass sogar die Tiefe fortan unsicher schien. So waren es die jungen, tapferen oder besonders in Mitleidenschaft gezogenen Xaraxar, die beschlossen, Oas Fluch erneut die Stirn zu bieten.
Da die Drakensee bereits zu großen Zustrom erhalten hat, sind es nun die Küstenregionen, an denen man die Xaraxar aufsteigen sieht. Auch an Land beginnt man sich zu erinnern: an ein Zeitalter, über dem der Vollmond als Omen des Unheils stand. Nun gewinnt der alte Strom erneut an Macht. Sein Sog ergreift die Xaraxar, die ihrerseits wieder mit Instinkten in Berührung geraten, die allem Feinsinn und aller Ethik widersprechen, die sie in Xoa so sorgsam kultiviert hatten.
Doch nicht alle Xaraxar betrauern Wandel und Verlust. Xaraxische Stimmen mehren sich, die nicht länger von einer Flucht, sondern von einer lang überfälligen Rückkehr; von einem rechtmäßigen Erbe sprechen. Oa sei die rechtmäßige Heimat des lachenden Volkes... keine Leere, sondern eine Fülle, die viel zu lange unausgekostet blieb. Gesetzlose Altströmer treiben sich gemeinsam durch die Lande, plündernd und raubend. Schlagkräftige Packs übernehmen Gehöfte in ländlichen Regionen, deren Bewohner sie in Knechtschaft zwingen. In Städten formen die Packs mafiöse Strukturen, die ganze Stadtteile beherrschen, oder genießen als einsame Streuner die Gunst ruchloser Verbrecher, die einen solch mörderischen, xaraxischen Hunger für sich zu nutzen wissen.
Liebesleben
𐌈 Die Xaraxar des neuen Stroms genießen es, in großen Familienbünden zu leben, in denen man sich bedingungslos unterstützt - aber einander auch auf die Füße tritt, sollte jemand sich ungebührlich verhalten. Durch diesen familiären Rückhalt bestärkt, führen die meisten Xaraxar offene Beziehungen. Eifersucht gilt als übergriffig und unreif. Erst, wenn Kinder sich ankündigen, siedelt einer der Gefährten fest in den Familienbund des anderen über. Üblicherweise schränken sich dadurch alle Bande zu anderweitigen Liebschaften ein. Es geschieht selten, dass ein Xaraxar öfter als einmal den Familienbund wechselt.
𐌏 Altströmer schwören auf die Gemeinschaft im Pack. Das dominante Paar bestimmt die Regeln. Nicht immer besteht dieses Paar aus nur zwei Xaraxar oder bildet eine romantische Einheit, doch üblicherweise halten die beiden Stärksten zuverlässig zusammen. Das Sexuelle spielt bei allen Xaraxar eine bedeutende Rolle – ganz gleich, ob man sich mit einem festen Partner vergnügt, wechselnden Liebschaften frönt oder volksfremden Affairen nachgeht. Konflikte deswegen sind nicht selten, doch jedes Pack besitzt andere Regeln. Grundsätzlich gilt: Wer seinem eigenen Pack schadet, wird von diesem hart dafür bestraft. Selbst eine Todesstrafe ist nicht ausgeschlossen, wenn auch stets das letzte Mittel der Wahl.
Nahrung
Die Xaraxar sind reine Fleischfresser. Sie sind in der Lage, sogar verwesendes Fleisch zu verdauen und finden besonderen Gefallen an Blut und Gedärmen. Xaraxar nehmen Geschmäcker äußerst selten als unangenehm oder störend wahr. Ranziges Fleisch gilt als besonders 'reif' oder 'ausgeprägt' im Aroma. Eine Mahlzeit müsste über alle Maßen bitter, schmerzhaft oder verdreckt sein, damit ein Xaraxar keine Freude an ihr hätte.
Xaraxar sind in der Lage, vallisches Fleisch zu verdauen. Doch auch im Fresswahn wird das ölige Fleisch erst verschlungen, wenn dieses etwas abgekühlt ist. Es ist, als wüsste selbst ein Xarax instinktiv, dass ihm diese Mahlzeit sonst den Magen verbrennt und er im Anschluss seine gesamte Kraft für die Heilung der inneren Verletzung aufbringen müsste.
𐌈 Der neue Strom hat eine neue Nahrungsquelle für sich erschlossen. Eine besondere Pilzalge, Krall, die auf treibenden Netzen dicht an der Wasseroberfläche gedeiht. Krall besitzt alles, was der xaraxanische Körper braucht – gänzlich ohne auf die Ermordung von Lebewesen angewiesen zu sein. Die Krallplantagen erfordern jedoch eine weite Fläche, die mit dem schwindenden Lebensraum der Xaraxar immer knapper wird. So knapp, dass die alleinige Ernährung mit Krall nicht länger gelingt.
Religion
𐌈 Die Xaraxar des neuen Stroms sprechen nicht von einem Glauben, sondern von der Weisheit. Sie sagen von sich, den Fluss der Welt spüren zu können, was unter Volksfremden für recht skeptische Gesichter sorgt. Wenn ein Xaraxar seine Bildkarten, Knochenwürfel, geschliffenen Steine oder Perlenschnüre auspackt, freuen sich seine Zuschauer dennoch. Denn wer würde nicht gern erfahren, was diese 'Weisheit' so alles zu berichten hat? Was der Xaraxar deutet, klingt rätselhaft faszinierend und zugleich, als hätte er es sich bloß ausgedacht: Gute Omen, böse Omen, Talismane, Geißeln. Der Schuh der alten Nonna solle ihr etwas Böses wollen? Der Brunnen im Dorfzentrum sei eine glückbringende Quelle? Es flösse ein bedrohlicher Strom durch den Wald? Wie mysteriös...
Werden Neuströmer nach Epheon gefragt, hört man viele verschiedene Meinungen. Manche Xaraxar verschreiben sich dem Glauben ans Wahrhaftige, um von den weltlichen Vorzügen zu profitieren, wiederum andere geben zu bedenken, dass das Gute der Welt nicht vom Willen eines Einzelnen abhängen könne... oder sollte. Ganz gleich, ob dieser jemand über so viel mehr Macht verfüge.
𐌏 Beim alten Strom hört man weder auf Moralpredigten noch auf Gebote. Der eigene Instinkt ist das Maß aller Dinge. Denn wer könne schon in der Welt bestehen, wenn er nicht mal auf das eigene Empfinden und den eigenen Willen vertraue? Das eigene Wohl ist heilig. Der Rest dient dazu, es zu erlangen. Wenn Relikte, Sylphen, Grame oder Dracier das nützliche Gefüge verzerren und stören, gilt dies als eine Provokation, die potenzieller Beute nicht zusteht.
Auch Baalit gilt als unangemessene Einmischung, die man allerdings toleriert, da der praktische Wert des erbeuteten Metalls sich auf andere Weise auszahlt.