Der Blick des Goldzahns lag auf ihm, etwas zu ruhig und etwas zu aufmerksam für seinen Geschmack. Erneut irritierte ihn die Diskrepanz zwischen dem rohen, laut-lärmenden Verhalten und dem intelligenten Funkeln, das sich in dem tiefen Gold verbarg. Jha’el mochte es nicht, wenn er sein Gegenüber nicht einschätzen konnte, und der Freibeuter war mindestens so vielschichtig wie die Emotionen in seinem Innern. Ob darin die Widersprüchlichkeit begründet lag?
Ihm war bewusst, dass seine Reaktion ein Wagnis war. Dieser Mann hatte bereits bewiesen, wozu er fähig war. Gut möglich, dass er dumm genug war, nicht nur die Hälfte der anwesenden Gäste, sondern auch den Gastgeber höchstselbst gegen sich aufzubringen, indem er den Sammler körperlich anging. Es blieb zu hoffen, dass hinter seinem Auftreten mehr Kontrolle steckte, als seine impulsgeleitete Art vermuten ließ.
Gleichmütig beobachtete Jha’el, wie er das Tuch, dessen Rotton aufgrund der Flüssigkeit eine dunklere Nuance angenommen hatte, von seiner Taille entfernte und es stattdessen um seinen Unterarm band – eine vordergründig harmlose Geste, die durch ihre Nachdrücklichkeit eher einer Drohung glich.
Die folgenden Worte entlockten ihm nicht einmal ein Schnauben, derartige Provokationen ließ er mit Genuss ins Leere laufen.
"Bedauerlich, dass ich nicht vollständig Eurem Interesse entgehen konnte", erwiderte er in verbindlichem Tonfall, der im Kontrast zu der in Samt und Seide eingewickelten Beleidigung stand. Zweifelsohne war Goldbiss in der Lage, diese aus der Verpackung zu schälen.
So sehr er ihn auch einzuschätzen vermochte, die folgende Annäherung hatte der Issír nicht kommen sehen – ansonsten wäre er geistesgegenwärtig einen Schritt zurückgetreten. So blieb ihm nichts anderes übrig, als still zu halten und die unliebsame Berührung über sich ergehen zu lassen.
Jha’el konnte es nicht ausstehen, wenn man ihn anfasste, erst recht nicht ohne vorige Erlaubnis. Nicht nur ein unglücklicher Tor hatte dafür gebüßt, indem er einen oder mehrere Finger verloren hatte. Dem ungehobelten Klotz, der ihm plötzlich viel zu nah war, blühte jedoch nichts dergleichen, denn der Issír war sich seiner Lage durchaus bewusst.
Zahlreiche Blicke lagen auf den beiden und auf der unverhofften Nähe, die aus der Ferne fast wie Vertrautheit wirken konnte. Es könnte nicht weiter davon entfernt sein.
Jha’el wand sich innerlich. Er spürte die Wärme des anderen Körpers, roch den herben Duft mit einer leichten Moschusnote und den Salzgeruch, der in seinem Haar hing, sah das unheilvolle Glitzern der Zähne.
Was die plumpen Sticheleien nicht vermocht hatten, schaffte der Spitzname, die lächerliche Verunstaltung, die er aus seinem wohlgewählten Namen gemacht hatte. Der Sammler verengte die Augen in dem Wissen, dass der Pirat dicht genug bei ihm stand, um die Reaktion zu sehen. Vermutlich vibrierte er innerlich vor Genugtuung.
"Wenn Ihr trinkt, erhebe ich ebenfalls das Glas", zitierte er. "Ihr habt in meine Worte ein Versprechen interpretiert, das nie gegeben wurde. Oder wollt Ihr leugnen, dass ich das Glas erhoben habe? Ich bin Euch und unserem geschätzten Gastgeber sogar entgegen gekommen, indem ich einen Schluck genommen habe."
Statt zurückzuweichen oder eines seiner Messer zum Einsatz zu bringen, tat er das Gegenteil. Ohne mit der Wimper zu zucken, schmiegte er sich an den muskulösen Körper des Freibeuters, dann hob er die Hand, um seine Fingerspitzen über dessen Wange gleiten zu lassen. Spielerisch und provozierend, mit dem Klingeln der Armreifen als Untermalung des grazilen Tanzes. Erst an der Seite seines Halses hielt er inne, dort, wo er das Pochen seines Pulses spürte. Langsam neigte er sich vor, bis sich ihre Gesichter fast berührten, ihre Lippen nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, so nah, dass sich ihre Atemzüge vermischten.
"Ihr werdet mich nicht mit Drohungen dazu bringen, Euch zu willen zu sein", flüsterte er, während seine Fingerspitzen fast lasziv über die warme Haut strichen. "Also tut Euch selbst einen Gefallen und treibt es nicht auf die Spitze."