Blutasche

Ein Geschenk unter Freunden

"Die Spatzenhirne behaupten, Asche gäbe jedem zu guter Letzt den Rest, aber ich kenne meinen Stoff..." Pottler tippte sich an die knollige Nase. "... wenn man weiß, wie man es anstellen muss, bleibt man von allen Nachwirkungen verschont. Kein hässlicher Husten, keine grauen Flecken oder faulen Finger, nichts! Nur der seligste Rausch, den man sich vorstellen kann." Der Händler breitete die Hände aus und stützte sie flach anschließend auf die Schreibtischplatte, den schweigenden Issír vor sich fest in den Blick fassend. Dessen Halbmaske glänzte starr im Zwielicht, doch auch seine Mundwinkel hätten nicht unbeweglicher sein können. "Deine Unterstützung hat mich in Gönnerlaune versetzt, Canvell°En. Wäre das nicht was, wenn dein kaltes Herz etwas spüren würde? Stell es dir nur mal vor... all diese nie gekannten Empfindungen, die es auslösen könnte. Gar nicht neugierig? Einmal ist keinmal, so sagt man doch." Das Lächeln des Gjad zog sich breit über seine stoppeligen Wangen.

"Hör gut zu, ich verrate dir den Trick: Dann kannst du es dir überlegen." Er deutete in die Halle jenseits der Tür. "Asche... dieses graue Pulver... das ist nur das Zeug, das ich an diese armseligen Bastarde verscherbele, die dreimal auf jedes Kupfer beißen. Denen ist egal, was mit ihnen nach dem nächsten Zug passiert." Seine Finger zogen etwas aus der Seitentasche seiner weißen Weste. Ein daumengroßer, grauer Brocken spröden Materials. "Das... ist Blutasche."
Er ließ dem Issír einen Moment Zeit, dann griff er sich die handliche Frauenbüste aus Marmor, die auf dem Rand des Schreibtisches stand. Gezielt stampfte er mit ihrem Sockel mehrere Male auf den Brocken ein. "Jetzt siehst du, was ich meine."

Vom Brocken war nichts mehr zu sehen. Stattdessen breitete sich ein Pulver von so intensiver roter Farbe auf der Holzplatte aus, dass es von innen zu glühen schien. "Die reinste Blutasche", sprach der Gjad ehrfürchtig beim Anblick der Droge. "Man hat nur wenige Augenblicke, um sie zu verbrauchen, sonst... da, es beginnt bereits!"
Schon ließ das unwirkliche Glimmen etwas nach und nur wenige Atemzüge später war auch die letzte rote Färbung verblasst. Gewöhnliche, graue Blutasche lag vor dem Gjad verstreut. "Das war der ganze Zauber", seufzte dieser und man konnte ihm ansehen, wie leid es ihm um die verschwendete Portion tat. "Kein Schwein weiß, warum das passiert. Blutasche muss immer bruchfrisch sein, aber dann kann man steinalt und glücklich mit ihr werden." Pottler hob den Blick zu Canvell°En. "Nun?" Abermals fischte er in seiner Tasche herum und streckte dem Issír die Handfläche entgegen, auf der ein weiterer unscheinbarer Brocken ruhte. "Ein gut gemeintes Geschenk unter Freunden", erklärte er seine auffordernde Geste und schürzte die Lippen. "Nimm es und probiere es bei Gelegenheit. Sei nicht empfindlicher als ein Sylph. Ein Zug hat noch niemanden abhängig gemacht." Er lachte und fügte plötzlich sehr ernst hinzu: "Loswerden kannst du deinen Stock im Arsch damit zwar nicht - aber er täte sicher nicht mehr so weh."



Eigenschaften

Blutasche tritt auf mehrere Arten in Erscheinung. In teuerster Variante kommt die Droge in Form unscheinbarer, grauer Klumpen daher – rau, porös und von spröder Beschaffenheit. Die kleinsten Brocken haben einen Durchmesser von ungefähr einem Daumennagel. Die größten Klumpen messen das Vierfache.

Sobald ein Blutasche-Klumpen zerstoßen wird, offenbart sich die Droge in ihrer reinsten Form: ein feines, fettlösliches Pulver, das in tiefem Karmesinrot schimmert, als würde es von innen heraus leuchten. Dieser farbintensive Zustand hält nur für wenige Augenblicke an – dann erlischt das Farbspiel, und zurück bleibt matte, graue Blutasche.

Ein kleiner Klumpen Blutasche genügt für einen Rausch, der bis zu vier Spannen lang andauert.



Herstellung

Sowohl die Herstellungsweise von Blutasche als auch ihre Quellen sind von Mythen und Spekulationen umrankt. Einige behaupten, die Droge stamme aus den dunkelsten Gassen Raakais, andere wiederum sehen ihre Produktionsstätten in den versiegelten Kammern Neffims. Möglicherweise wird Blutasche an mehreren Orten hergestellt – oder gar mittels eines Reliktes beschworen. Die Wahrheit bleibt ein wohlgehütetes Geheimnis. Das Gerüchte, äossisches Blut sei ein Bestandteil des Pulvers, hält sich hartnäckig, doch bislang konnte niemand diese Behauptung belegen. Was bleibt, ist eine unheimliche Ahnung von Vergänglichkeit, die jeder Probe anzuhaften scheint.

Der durchschnittliche Preis für einen unbeschädigten Blutasche-Klumpen liegt aktuell bei fünf Dukaten. Dieselbe Menge grauen Blutasche-Pulvers ist dagegen schon für fünf Kupferne zu haben - was gemeinhin dem Preis eines Brotlaibs entspricht.



Wirkweise

Diese berüchtigte Droge besitzt Einfluss auf jedes Volk Thans: ganz gleich, ob vallisch oder navallisch. Blutasche wird geschnupft – ein tiefer Atemzug genügt, damit das Pulver seine Wirkung entfaltet. Die Droge erzeugt ein Gefühl innerer Wärme, das sich rasch im gesamten Körper ausbreitet. Lindernder Balsam legt sich um den Geist, sodass alle belastenden Gefühle und körperlichen Beschwerden vier Spannen lang verstummen. Ein zusätzlicher Zug entführt in erhebende, blutrote Träume. Zweifel, Reue, Skrupel – all das verliert während des Rausches an Bedeutung. Die Gedanken werden klar, aber nicht frei: Blutasche vereinnahmt, lenkt, formt. Sie ermöglicht entschlossenes Handeln, aber macht taub fürs eigene Gewissen. So manch grausamer Akt wurde erst durch den Einsatz von Blutasche befähigt... oder erlitten.



Folgen

Die Nebenwirkungen von Blutasche sind nicht zu unterschätzen. Abhängige leiden unter Kurzatmigkeit und schon bald gesellt sich ein sporadischer Husten mit grauem Auswurf hinzu. Stechende Schmerzen in der Brust folgen. Grauschwarze Verfärbungen der Haut, angefangen bei Nasen- und Fingerspitzen, und juckende Ausschläge im Brustbereich sind untrügliche Zeichen einer fortgeschrittenen Blutasche-Sucht. Bandagierte Finger sind ein verdächtiger Hinweis darauf. Bei ungemindertem Konsum kommt es zu Nekrosen.

Eine Blutasche-Sucht entsteht nicht sofort. Doch mit jeder Anwendung – bis zur einschließlich dritten – steigert sich die Intensität der Wirkung. Wer sich der wohligen Bedenkenlosigkeit einige Male zu oft hingegeben hat, kehrt selten freiwillig zur Reue zurück. Ein Entzug geht mit quälenden Selbstvorwürfen, Weinkrämpfen, Lethargie und Depressionen einher. Je stärker die Abhängigkeit im Vorfeld war, desto gravierender sind auch die Entzugserscheinungen. Nicht selten nehmen sich Abhängige noch vor Ende ihres Entzugs selbst das Leben.

Allein, wer es sich leisten kann, ist in der Lage, dem Fluch der Blutasche zu entgehen: Keinerlei qualvolle Leiden oder Entzugserscheinungen treten auf, sofern das Pulver in karmesinrotem Zustand geschnupft wird.



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